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BETH HA-SEFER , das „Haus des Buches“

 Jüdische Schule in Laupheim 1821 – 1939

von Rolf Emmerich

Bis in die ersten Jahrzehnte des 19.Jahrhunderts, galt das Gebot „lehre es deinen Kindern“[1], in breiten Schichten der jüdischen Bevölkerung als verbindliche religiöse Pflicht für Vater und Mutter. Die Grundlagen der jüdischen Religion aus Torah  und Talmud den Kindern zu vermitteln, war besondere Aufgabe der Eltern. Im jüdischen Gebet gibt es daher noch heute den elterlichen Ehrentitel: „Mein Vater- mein Lehrer. Meine Mutter- meine Lehrerin.“

Der Staat und die örtliche Herrschaft kümmerten sich bis 1825[2] nicht um die Schulbildung der jüdischen Kinder. So organisierten die Gemeindemitglieder den Unterricht in eigener Regie. Der Chronist Dr.Georg Schenk[3] beschrieb diese vormaligen Zustände kurz und treffend:

 „Die jüdischen Hausväter Laupheims waren als Händler viel von daheim abwesend und wohl vielfach einem solchen Privatunterricht nicht gewachsen. Sie zogen es also vor, Haus- und Wanderlehrer zu berufen, und gaben diesen Kost und  Wohnung in ihren Häusern. Die Lehrer dieser sogenannten Winkelschulen oder Chedarim, wurden jeweils für ein halbes Jahr verpflichtet und wechselten häufig auf Ostern oder zum Laubhüttenfest im Herbst ihre Stellungen. Sie hatten die Kinder in Hebräisch, Lesen, Schreiben und Rechnen zu unterrichten; für einen Knaben bekam der Lehrer sechs bis vierzehn Gulden Schulgeld, für ein Mädchen die Hälfte. 1808 wurde in diesen Schulen nur 39 Kinder gezählt.“ .

 Das halbierte Schulgeld für Mädchen hatte sicher zwei Ursachen: Schon im Kindesalter mußten von weiblichen Familienmitgliedern häusliche Pflichten übernommen werden und die hebräische Sprache war für Frauen jener Zeit nicht obligatorisch. Dementsprechend wurde der Unterricht für Mädchen verkürzt; das Lehr- und Lesematerial dieser Einschränkung entsprechend gestaltet. Bücher für jüdische Frauen wurden in der damaligen Umgangssprache Jüdisch-Deutsch verfaßt und in hebräischen Lettern gedruckt. Selbst der traditionelle Heiratsvertrag Ketuba wurde meist damit ausgefertigt. So war die jüdisch – deutsche Sprache, auch Westjiddisch genannt, bis in die ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts die Umgangssprache in den Judengemeinden Württembergs. Hebräisch blieb dem Kult in Haus und Synagoge vorbehalten.

Das Lerntempo der Schüler war zeitlich nicht streng vorgegeben. Doch es gab ein hochrangiges Ziel für den Sprach- und Schrifterwerb: Bis zur Bar Mitzwah, also bis zur religiösen Mündigkeit, des 13-jährigen jüdischen Knaben mußte dieser aus den fünf Büchern Mose, der Torah, hebräisch lesen können. Diesem Zweck entsprechend wurden besonders die Jungen der jüdischen Diaspora spätestens ab dem vierten Lebensjahr in der Schrift der Synagoge unterrichtet. Schon in der Mischna[4], dem ersten Teil des Talmud, wird der Bildungsweg eines Juden weiter umrissen: Ab einem Alter von fünf Jahren Bibelstudien, ab zehn Jahren Mischnastudien und nach dem 15. Lebensjahr auch Talmudstudien. Diesem Ideal war vor der Emanzipation, also vor Einführung der allgemeinen Schulpflicht, auch die Laupheimer Kehilla[5] verpflichtet. Lebenslanges Lernen der heiligen Schriften folgte daraus.

 Das Studium sollte das ganze Leben begleiten. Dafür hatte die Laupheimer Judengemeinde schon 1780 ihren Talmud-Torah-Verein gegründet. Torah steht hier, im erweiterten Sinne, für die Unterweisung in den heiligen Texten. Unter Anleitung des Rabbiners wurde da auch im Erwachsenenalter gemeinsam gelernt. Die Synagoge rückt damit als Lehrhaus für die gesamte Gemeinde ins Blickfeld. Gottesdienst und Lernen  gehen hierbei ineinander über, werden als Einheit aufgefaßt. 

 

Grabinnschrift von Jetle Maier, gestorben am 05. März 1818, 

mit dem Hinweis auf die jüdische Schule.

Die 39 Kinder, welche 1808 die private Schule der Laupheimer Judengemeinde besuchten, stellten nur eine Minderheit dar. Das lag an der Armut vieler Eltern, die nicht in der Lage waren, das Schulgeld aufzubringen. Sie lebten damals noch mehrheitlich von einem ärmlichen Hausierhandel. Ein erhellendes Beispiel dazu liefert uns eine Grabinschrift aus dem Jahre 1818 (Bild 1).

Durch diese Inschrift wird Frau Jetle[6] geehrt mit dem hebräischen Ausdruck: „Le beth ha-sefer hechesika banim.“ Das heißt: „Sie hielt ihre Kinder zum Besuch der Schule an.“ [7] Was zeigt diese Ehrung? Der Schulbesuch, selbst in der eingeschränkten Form der Chedarim, war alles andere als  selbstverständlich und sicher nur unter großen Opfern bezahlbar. Bei fünf Töchtern und drei Söhnen war die Herausforderung für Jetle Maier unter den damaligen Umständen  besonders groß. Dennoch erreichte diese zielstrebige Laupheimerin, daß ihr Sohn  Baruch, der spätere Rabbinatskandidat als einer der ersten vier jüdischen Württemberger an der Universität Tübingen immatrikuliert wurde.

Der Grabstein weist aber auch auf anderes hin: Spätestens seit den „Memoiren der Glückel von Hameln“ ist  ja bekannt, daß bereits im 17. Jahrhundert auch jüdische Mädchen zur Schule gingen. Frau Jetles Grabstein bestätigt uns diese Praxis  für Laupheim.

 

Gesetzlich geregeltes Schulwesen für jüdische Kinder

 

Erst nach 1825[8] galt die allgemeine Schulpflicht auch für jüdische Kinder. Eine öffentliche jüdische Schule ist in Laupheim seit 1821 nachweisbar. Ihre Gründung kam aufgrund örtlicher Initiative der staatlichen Entwicklung zuvor. Rabbiner Waelder nannte sie in seiner „Beschreibung des Rabbinats Laupheim“ von 1853: „...nahezu die älteste im Lande.“ Damit bekamen erstmals alle Kinder den notwendigen Unterricht:  Die Lehrer Simon Tannenbaum aus Mergentheim und Abraham Sänger aus Buttenwiesen unterrichteten in der Anfangszeit 109 Kinder zwischen 5 und 13 Jahren im Saal des Gasthauses „zum Rad“. Im Jahre 1828 erwarb die Jüdische Gemeinde das heutige Hotel „Württemberger Hof “ welches in der Folgezeit als Rabbinats-, Schul- und Gemeindehaus diente. Im Erdgeschoß wurden zwei Schulräume eingerichtet. Kostenfrei war diese Pflichtschule für die Laupheimer Judengemeinde auch jetzt noch nicht. Noch im Jahre 1845 mußten die Laupheimer Juden, im Gegensatz zur christlichen Bevölkerung, alle Schulkosten selber tragen.[9] Wie beengt auch daher die Situation im Rabbinatshaus (Bild 2 ) war, wird deutlich, wenn man die gesamte Nutzung dieses Gebäudes betrachtet: zwei Klassenzimmer, eine Lehrerwohnung, die Wohnung des Rabbiners und dessen Büro waren hier gleichzeitig untergebracht. Rabbiner Abraham Waelder befand bereits 1852 „die zwei länglichen Schullokale für die 140 Schulkinder“ als „finster und unzweckmäßig.“    

Die jüdische Bevölkerung und die Schülerzahl nahmen weiter zu, daher wurde 1868 ein neues Schulhaus in der Radstraße (Bild 3) erbaut. In drei Klassenzimmern wurden dort im Jahre 1874  schließlich 162 Schüler unterrichtet.   

In diesem Gebäude befand sich seit 1868 die jüdische Schule in Laupheim. 

Das Gebäude wurde 1969 abgerissen.

Die Einführung der Schulpflicht 1825 führte zu einer völligen Umwälzung des jüdischen Bildungswesens. Stand vordem die religiöse Unterweisung, die hebräische Sprache, Torah und Talmud im Mittelpunkt des Unterrichts, so schrumpften diese nun zu einem Schulfach unter anderen. Ein Erlaß bestimmte: „Beim Lehrplan ist hauptsächlich auf richtige Erlernung der deutschen Sprache das Augenmerk zu richten, und die hebräische Sprache ....doch mehr als Nebensache zu behandeln.“[10]

Nachdem die Katholiken Württembergs seit 1808 und die Protestanten seit 1810 in Schulgesetze eingebunden waren, wurden nun auch die jüdischen Kinder vor dem Gesetz gleichgestellt. Den Vorgaben zufolge konnten „die Israeliten ihre Kinder entweder in die öffentliche Orts-Elementarschule schicken“ oder mit staatlich geprüften Lehrern Israelitische Elementarschulen gründen. Letztere Schulart für jüdische Schüler wurde  vor allem in den ländlichen Synagogen-Gemeinden Württembergs eingerichtet. Dies sollte Chancen auf eine jüdische Orientierung der Erziehung sichern. Im Rahmen der staatlichen Lehrpläne war das jedoch nur sehr begrenzt möglich.

Die Rabbiner versuchten jahrzehntelang die durch die „Verweltlichung“ des Bildungswesens  entstandene Lücke durch eine „Sonntagsschule“ mit religiöser Unterweisung zu schließen. Mittels regelmäßiger mündlicher Prüfungen wurden deren Ergebnisse kontrolliert. Ein Protokoll vom Februar 1872 nennt  dafür 48 Knaben und 20 Mädchen als Prüflinge; das waren nur etwa die Hälfte der Laupheimer jüdischen Schüler.  

Ca. 1905 stellen sich die Teilnehmer der jüdischen Schule mit ihrem Lehrer May Haymann dem Fotografen.

Die neu gewachsenen Judengemeinden der größeren Württembergischen Städte waren mehrheitlich an Assimilation interessiert. Das schlug sich auf das Schulangebot nieder.  Eine eigene Schule hätte, nach dortigem Verständnis, die erstrebte Integration eher behindert. So haben z.B die neu aufstrebenden jüdischen  Gemeinden in Ulm und Stuttgart, bereits in der Mitte des 19.Jahrhunderts, ihre Kinder in konfessionell gemischte Schulen geschickt. Dabei blieb es fast bis zum gewaltsamen Ende dieser Gemeinden. Auch den Laupheimern blieben nur religiös gemischte Lehranstalten, wenn die Schüler eine Realschule oder ein Gymnasium besuchen sollten.

Zwar  betrieb der Buchauer Rabbiner Dr. Michael Güldenstein einige Jahre lang eine Schule mit dem Anspruch „wahrhaft religiöse Israeliten zu bilden, deren Kenntnisse nicht hinter den Erfordernissen der Zeit zurückbleibt“. Immerhin wurden da, in einer Zeitungsanzeige vom Jahre 1856, neben Hebräisch weitere vier Fremdsprachen offeriert. Der Rabbiner bot jedenfalls 30 neun- bis sechzehnjährigen Schülern Internatsplätze an. Doch die meisten Laupheimer, die weiterführende Schulen besuchten, gingen offensichtlich in die Laupheimer Lateinschule, nach Ulm oder Stuttgart in konfessionell gemischte Lehranstalten. So wissen wir z.B. von dem Bankier und Mäzen Dr.Kilian von Steiner, daß er vor seinen Tübinger Studien die Gymnasien in Ulm und Stuttgart besuchte.

Die Laupheimer städtische Latein- und Realschule, 1868 im Rabinatsgebäude gegründet, hatte von Anfang an unverhältnismäßig viele jüdische Schüler. Das Bildungsstreben der Gemeindemitglieder wurde durch Stiftungen für bedürftige Schüler und den Leseverein Konkordia stark gefördert. Galt die jüdische Bevölkerung am Anfang des 19. Jahrhunderts, im öffentlichen Urteil, als ungebildet und rückständig, sollte sich dies in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts ins Gegenteil verändern.

 

Die Lehrer der jüdischen Schule Laupheim

 

Vor der gesetzlichen Regelung des jüdischen Schulwesens waren häufig wechselnde Wanderlehrer, ohne pädagogische Ausbildung üblich. Meist hatten sie die Jeschiwa[11] in Mühringen oder Fürth besucht. Das schmale und unsichere Einkommen erlaubte ihnen meist nicht, eine Familie zu gründen. So blieb die Unterrichtstätigkeit oft nur ein Durchgangsstadium zu einem anderen Beruf.

Nach Einführung des Schulgesetzes von 1825 mußten die Lehrer eine pädagogische Ausbildung am evangelischen Seminar in Esslingen absolviert haben. Die jüdischen Pädagogen wurden dort seit 1823 von dem Lehrer Leopold Liebmann ausgebildet; der übte diese Schlüsselrolle über 50 Jahre aus. Das Ziel, von der königlichen Regierung vorgeschrieben, waren jüdische Lehrer, die zugleich auch Vorsänger- Funktion in der Synagoge übernehmen sollten. Die Lehrer waren demnach in der Schule als Beamte des Staates eingesetzt und in der Synagoge mit der Leitung des Gottesdienstes beauftragt. Sicher war dies eine zwiespältige Regelung. Verstärkt wird dieser Eindruck, wenn man bedenkt, daß die Aufsicht über die jüdischen Schulen von den christlichen Kirchen auszuüben war. In Zeiten, da Rabbiner und Pfarrer freundschaftlichen Umgang pflegten,[12] gab es damit keine besonderen Probleme.      

Moritz Henle von 1868 - 1873 

Lehrer und Kantor in Laupheim

Exemplarische Passagen aus dem Leben zweier Laupheimer Lehrer in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts seien  kurz skizziert:

Der  Leiter der jüdischen Schule von 1863 bis 1887 war Alexander Elsässer. Der im Dezember 1817 in Freudental geborene Elsässer galt landesweit als profilierter Vertreter der jüdischen Lehrerschaft.[13] Als einziger Jude gehörte er über viele Jahre der landesweiten Lehrplankommission an. Anläßlich seiner Pensionierung wurde ihm eine königliche Verdienstmedaille verliehen. Er verfaßte in seiner Freizeit volkstümliche Gedichte, was ihm einige öffentliche Anerkennung brachte.[14] Die Zeit seiner Berufung nach Laupheim deutet darauf hin, daß der damalige Rabbiner Abraham Waelder den Pädagogen angeworben hatte.[15]

Ein anderer typischer Werdegang eines jüdischen Lehrers und Kantors im späten 19. Jahrhunder sei hier außerdem skizziert:  Nach  zwei Jahren am Stuttgarter Konservatorium und vier Jahren im Esslinger Lehrerseminar kam 1868 der gebürtige Laupheimer Moritz Henle (Bild 4),18-jährig, als Lehrer zurück. Der jüdischen Gemeinde diente er zudem bald auch als  Vorsänger, Kantor und Chorleiter; als 21- jähriger komponierte er bereits die Friedenshymne der Laupheimer Chöre am Ende des Krieges 1871. Später amtierte Henle sechs Jahre als Kantor an der neu erbauten Ulmer Synagoge und als Religionslehrer an Ulmer Schulen. Die Verknüpfung dieser beiden Berufe ergab sich ja durch die Ausbildung und die Vorgaben der Königlich Israelitischen Oberkirchenbehörde.

 Nach der zweiten Dienstprüfung für das Lehramt im Jahre 1877 folgte Henle einer Berufung  nach Hamburg, wo er über 35 Jahre als Oberkantor, Komponist [16]und Religionslehrer wirkte. In der Hamburger Tempel der Reformgemeinde war er ein früher Pionier bei Fortbildung von Berufskollegen und in der Erwachsenenbildung.

 

Die Schule im 20.Jahrhundert - Ende in der Heimat

 

Die Laupheimer„Israelitische Schule“(Bild 5) hatte, laut Katholischem Schulinspektorat Laupheim von 1908[17], als reine Grundschule nur noch 30 Schüler. Neben dieser einklassigen Schule waren zwei städtische Realschul-Klassen  und eine Lehrerwohnung im jüdischen Schulhaus in der Radstraße untergebracht. Die Zahlen zeigen uns, daß im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts bereits etliche junge  jüdische Familien aus Laupheim abgewandert waren. Nach 1924 konnte Lehrer Wilhelm Kahn die Schule nur noch als private Anstalt unter Leitung des Württembergischen Oberrats der Israeliten weiterbetreiben. Wie in anderen Kleinstädten auch, war die Schülerzahl für eine staatlich finanzierte Konfessionsschule zu klein geworden.

 

Heinz Säbel, der letzte jüdische Lehrer in Laupheim

Neun Jahre später erzwang die mörderische Situation in Nazi - Deutschland die völlige Absonderung   jüdischer Kinder aus allen staatlichen Schulen. Ein Reichsgesetz vom 25. April 1933, exekutiert vom Württembergischen Kultusministerium, gipfelte in der Anordnung: „Die Zahl der nichtarischen Schüler je Schule darf den Anteil der Nichtarier an der reichsdeutschen Bevölkerung nicht übersteigen.“ Schulkinder jüdischer Religion galten nach dieser Diktion als „Nichtarier“. Unter ein Prozent mußte also der jüdische  Schüler-Anteil gesenkt werden. Die Bedrückung der „nichtarischen“ Schüler in den weiterführenden Schulen wuchs zusehends. Etliche Lehrer und Mitschüler leisteten dazu ihren miserablen Beitrag. Nur einzelne junge Laupheimer  konnten nach 1933 als Internatsschüler im  jüdischen Schullandheim Herrlingen unterkommen.

 Eine einklassige jüdische Volksschule mit Kindern aus acht Klassenstufen war in Laupheim das Ergebnis der äußeren Schikanen. In den größeren Städten des Landes, wie Stuttgart und Ulm, wurden in der Folge erstmals jüdische Elementarschulen notwendig; welche Zwänge und Nöte sich hinter dieser Aussage verbergen, können wir höchstens erahnen. Weiterführende Schulen, Berufsausbildung und Studium war für jüdische Jugendliche nach 1935 per Gesetz und Praxis nicht mehr zugänglich.

Der vorletzte jüdische Lehrer Salli Silbermann gab im 14.Oktober 1935 beim damaligen Laupheimer Bürgermeister Marxer folgenden Vorfall zu Protokoll [18]:  

„In den letzten Tagen feierten wir im israelitischen Gemeindehaus das Laubhüttenfest. Aus diesem Anlaß hatten wir im Garten eine Hütte errichtet. Als ich am Montag dorthin kam, sah ich, daß die Hütte aufgebrochen war. Es fehlte eine Lampe, ein Davidstern und ein Bild, das aus der Bibel mitgenommen wurde. Die ganze Wanddekoration, welche aus Girlanden und Obst bestand, war heruntergerissen; daneben lagen Steine in der Hütte, mit denen offenbar geworfen worden ist. Die Kinder von der Israelitischen Gemeinde hatte ich noch einmal beisammen, um mit denselben eine kleine Nachfeier zu halten.

Auf einmal kamen Steine zu uns hereingeflogen und die Feier mußte abgebrochen werden. Einige der jungen Burschen habe ich erkannt.“ Die Beschwerde des mutigen Lehrers beim damaligen Stadtoberhaupt hatte keine Folgen für die Übeltäter.

Ein exemplarisches Beispiel für die Schicksale der Schüler widerfuhr dem Mädchen Ilse Sternschein. Sie schloß die nunmehr einklassige jüdische Schule im März 1937 mit einem hervorragenden Zeugnis ab; eine Lehre konnte sie aber nicht beginnen, weil sie als Jüdin nicht in die Berufsschule durfte. So arbeitete sie in einer Kleiderfabrik, bis auch diese den jüdischen Eigentümern durch „Arisierung“ genommen wurde. Ihr Vater wurde nach der sogenannten „Kristallnacht“ für zwei Monate, ohne Informationen für die Angehörigen, ins KZ Dachau verschleppt. Erst danach, fast zu spät, getrennt von Eltern und Geschwistern, gelang es der 16-jährigen 1939 in das heutige Israel zu emigrieren. Die Eltern sah sie erst viele Jahre später, kurz vor dem Tod des Vaters, in den USA wieder.

Wie einfach sich das auch liest – so schwer muß es gewesen sein. Selbst ihr Laupheimer Dialekt war auf ihrem schwierigen Weg hinderlich.„Wegen meinem breiten Schwäbisch haben mich die Norddeutschen aus der zionistischen Jugendgruppe kaum verstanden“,  sagt sie. Die letzten Jahre in Laupheim - die Familie war enteignet und aus ihrem Haus vertrieben - haben sie tief verletzt.

 Ein anderes Beispiel ist der Schriftsteller Siegfried Einstein, der kurz vor seinem Tod 1983 in einem Interview mit Sharon Levinson seine traumatischen Erlebnisse als 15-jähriger in der Laupheimer Lateinschule schilderte. Der Mathematiklehrer forderte den Buben im Unterricht auf, an die Tafel zu kommen. „Er sagte, ich solle mein Gesicht genau an die Tafel halten und er wolle mit der Kreide meine Schädelform nachfahren. Das tat er. Ich erschrak über mein Porträt: denn ich hatte dort eine riesenlange Nase, während ich in Wirklichkeit eher eine schwäbische Stupsnase besaß. Er sagte vor versammelter Klasse, die lachte und höhnte, sie erkennten nun, wie ein jüdischer Junge auszusehen habe.“ Kurz darauf sieht sich der sensible Junge auf dem Schulhof mit Steinen beworfen und daraufhin blutend nach Hause gebracht. Die Eltern schickten ihn danach zu Schweizer Verwandten; fünf Jahre wurde er dort in in der Kriegszeit in verschiedenen Arbeitslagern interniert. 

Siegfried Einsteins so belastetes Verhältnis zu Laupheim mündete in ein spätes Gedicht :

In meine Heimat nur im Tod...[19]

In meine Heimat möchte ich nicht zurück,

Nicht an den Ort, aus dem sie mich vertrieben.

Ich fühl, solang ich leb, das harte Stück

Des Steines, den sie johlend mir verschrieben

 

„Zur Strafe für den Juden“, wie sie keuchten;

Vortrefflich zielten sie auf meine Stirn

- Und als ich wankte sah ich nur ein Leuchten:

Im Gleitflug kam mein Traum von Tod und Hirn.

 

In meine Heimat möchte ich nicht zurück,

Solang dies kranke Herz noch pocht im Schlaf.

Doch sucht ihr Männer Laupheims, sucht das Stück

Des Steines der mich einst vorzüglich traf.

 

Und einer werf symbolisch ihn mir zu,

eh der Rabbiner mir drei Schaufeln Erde gibt.

Das Stückchen Land, das meine Ahnen so geliebt,

Es diene mir im Tod zur letzten Ruh.

 

Auf dem jüdischen Friedhof in Laupheim wurde im April 1983 Siegfried Einsteins Wunsch  entsprochen.

 Nach der sogenannten „Kristallnacht“ wurde auch der letzte jüdische Lehrer, Heinz Säbel (Bild 6), verhaftet und stundenlang mit 15 anderen Männern in der Laupheimer Schranne im Kreis herumkommandiert. Anschließend wurden sie ins KZ Dachau verschleppt. Nach mehr als vier Wochen später kehrte Heinz Säbel mit den ersten dieser Geschundenen nach Laupheim zurück. Von einem der anschließenden Schultage, nun  wieder im Rabbinatsgebäude, schrieb er 30 Jahre später,im November 1968, in einem Redemanuskript:

„.....Am folgenden Morgen lag wie ein Leichentuch blitzender weisser und unangerührter Schnee über dem Platz, wo die Synagoge über 100 Jahre gestanden hatte, wo die Juden sich täglich zwei und drei Mal zum Gebet und Gespräch versammelt hatten.....Nicht einmal nach der sogenannten „Kristallnacht“ hörte das auf. Die Ältesten und die Jüngsten trafen sich im Rabbinatshaus gegenüber der verschwundenen Synagoge. Jetzt am Morgen nach meiner Rückkehr versammelte sich der Minjan.[20] Wie üblich waren auch meine Schüler  dabei. Wir sprachen kein Wort über die vernichtete Synagoge, aber ich bin meiner gewiß, daß wir alle im Gebet an sie dachten.“

Weiter berichtete Heinz Säbel: „Erst später am Tag behandelten wir im Unterricht das Schicksal der Synagoge und der Gemeinde. Die Kinder hatten ein tiefes Bedürfnis, ihren erschütternden Erlebnissen Ausdruck zu geben, einen Zusammenhang zu erzielen und wenn möglich eine Erklärung zu den Erinnerungsbildern  zu bekommen, die sich in ihren empfänglichen Sinnen festgesetzt hatten. Später in der Pause wollte niemand auf die strahlende Decke auf dem Platz der Synagoge treten!“   

Anfang 1939 endet die Geschichte jüdischer Kinder und ihrer Schule in Laupheim. Der junge Lehrer ermutigte Zögernde und Ängstliche, das lebensgefährliche Land zu verlassen. Seine Schüler berichten noch heute, daß er dabei mit großer Überzeugungskraft auf ihre Eltern  einwirkte.  Eine ehemalige Schülerin besorgte für Heinz Säbel in Südschweden einen Lehrauftrag an einer Internatsschule. Dorthin konnte der 26 - jährige am 28. Februar 1939 sein Leben retten. Die Umstände  grenzen an ein Wunder. Er war einer der letzten jüdischen Laupheimer, die das Land verlassen konnten. Beth ha-Sefer, das „Haus des Buches“, die jüdische Schule in Laupheim, gibt es seitdem nicht mehr.

 

 

Rolf Emmerich, 10.06.99

 

[1]  Torah, 5. Buch Mose

[2]  Erlaß des königl. Innenministeriums vom 9.2.1825

[3]  Georg Schenk „Die Juden in Laupheim“ in „Laupheim“ Hrsg. Stadt Laupheim, Weißenhorn 1979, S.296

[4]  Mischna Awot V zit. n. Günter Stemberger „Das klassische Judentum“, München 1979, S.112

[5]  hebräisch: jüdische Gemeinde.

[6]  Frau Jetle d.h. Judith Maier, geb. Seligmann aus Ichenhausen.

[7]  Übersetzung durch Rabbiner Dr. Leopold Treitel

[8]  Erlaß des Königl.Innenministeriums vom 9.2.1825

[9]  J.G. Briegel „statistisch geschichtliche Beschreibung des Ortes Laupheim“, Nachdruck Laupheim 1983, S.57

[10]  Erlaß des Königl. Ev. Konsistoriums vom 12.7.1825

[11]  Talmud – Hochschule für begabte Knaben im Anschluß an die Bar Mitzwa.

[12] Rolf Emmerich „Abraham Waelder, Laupheimer Rabbiner in Zeiten des Wandels“, in BC- Heimatkundliche Blätter für de Kreis Biberach 2/1997

[13]  Aron Tänzer „Geschichte der Juden in Württemberg“(Reprint), Frankfurt 1983

[14]  Utz Jeggle „Judendörfer in Württemberg“, Tübinger Vereinigung für Volkskunde e.V., 1969

[15]  Rolf Emmerich „Abraham Waelder, Laupheimer Rabbiner in Zeiten des Wandels“. In BC - Heimatkundliche Blätter für den Kreis Biberach 2/1997

[16]  CD „Lieder und liturg. Synagogengesänge von Moritz Henle“, Hrsg. Gesellschaft für Geschichte und Gedenken, Laupheim 1998

[17] Katholische Schulaufsicht über die Jüdische Schule 1825 - 1912

[18] Waltraut Kohl, Die Geschichte der Judengemeinde in Laupheim, Zulassungsarbeit für das Lehramt, Laupheim 1965, S.76

[19] Siegfried Einstein „Meine Liebe ist erblindet“, Mannheim 1984, S.65 (der abgedruckte Text entspricht in der Schreibweise dem Original)

[20] Minjan d.h. mindestens zehn erwachsene Männer zum öffentlichen Gottesdienst.

 

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