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2020

Gedenktafel würdigt Haus und Person
Am Gebäude Kapellenstraße 6 wird jetzt auf Initiative der GGG an das
ehemalige Kaufhaus Einstein und den Schriftsteller Siegfried Einstein erinnert

LAUPHEIM  - Eine Gedenktafel am Gebäude Kapellenstraße 6 erinnert seit Sonntag an das ehemalige Kaufhaus D. M. Einstein und den Schriftsteller Siegfried Einstein (1919 - 1983), der hier geboren wurde. Gestiftet hat sie die Gesellschaft für Geschichte und Gedenken (GGG). „Wir möchten damit sowohl das Haus als auch die Person würdigen“, sagte die GGG-Vorsitzende Elisabeth Lincke. Sie enthüllte die Tafel gemeinsam mit Rolf Emmerich, der als Lokalhistoriker maßgeblich dazu beigetragen hat, Siegfried Einstein dem Vergessen zu entreißen. Die Familie Einstein gehörte zu den ältesten jüdischen in Laupheim. 1832 hat Daniel Moses Einstein, Siegfried Einsteins Urgroßvater, das Kaufhaus gegründet – in einer Zeit, als das württembergische Emanzipationsgesetz von 1828 der jüdischen Bevölkerung neue Möglichkeiten eröffnete und Maschinen die Herstellung von Textilien revolutionierten. Den Familienbetrieb in der Kapellenstraße führte zuletzt Max Einstein, Siegfrieds Vater. Am 26. September 1909 eröffneten er und seine Frau Fanny das neu erbaute Kaufhaus für Herren-, Damen- und Kinderkonfektion, Kurz- und Pelzwaren, über das der Chronist August Schenzinger schrieb: „Es ist das schönste und solideste Bauwerk, wie keine deutsche Großstadt ein solches aufweisen kann.“ Damals waren schon viele Juden aus Laupheim weggezogen, die israelitische Gemeinde zählte noch 348 Mitglieder. Auch vor diesem Hintergrund sei die Investition der Einsteins eine bewusste Entscheidung für Laupheim gewesen, sagte Elisabeth Lincke in ihrer Ansprache in den heutigen Geschäftsräumen. Im November 1932 feierten die Einsteins das 100-jährige Bestehen ihres Geschäfts. Keine vier Monate später, am 1. April 1933, flogen Steine, zerbarsten Schaufensterscheiben, hinderten SA-Männer Kunden am Einkauf. Nach der Reichspogromnacht 1938 verschleppten Nazis Max Einstein ins KZ Dachau. Mit wenigen Habseligkeiten emigrierten er und seine Frau 1939 in die Schweiz. Das Kaufhaus wurde „arisiert“ und ging in den Besitz der Familie Schurr über. Viele Mitglieder der Familie Einstein starben im KZ. Steine trafen wenig später auch Siegfried Einstein, auf dem Schulhof; blutüberströmt schleppte sich der 13- Jährige nach Hause. Die Familie schickte ihn auf eine Privatschule in Sankt Gallen, wo er den Abschluss als Handelskaufmann machte. Von 1941 bis 1945 war er als staatenloser Ausländer im Arbeitslager. Er schrieb Verse, veröffentlichte 1946 seinen ersten Gedichtband; weitere folgten. Er fand Anerkennung, war auf dem Weg, sich als Lyriker zu etablieren. Als einziger der emigrierten Laupheimer Juden kehrte Siegfried Einstein dauerhaft nach Deutschland zurück. Dort sah er sich erneut antisemitischer Hetze ausgesetzt. Das hat ihn veranlasst, sich künftig als Essayist, Publizist und Redner für die Aufarbeitung der NS-Zeit zu engagieren. „In den 50er- und 60er-Jahren hat er sich damit kaum Freunde gemacht“, resümierte Michael Niemetz, Leiter des Museums zur Geschichte von Christen und Juden, am Sonntag. In Deutschland wurde über die nationalsozialistischen Verbrechen lange bevorzugt geschwiegen. „Er hat sich dem gestellt und es auf sich genommen“, sagt Niemetz, der von einem „unglücklichen Schicksal“ spricht. Siegfried Einstein starb 1983. Beerdigt ist er auf dem jüdischen Friedhof in Laupheim. „In meine Heimat möcht’ ich nicht zurück, nicht an den Ort, aus dem sie mich vertrieben“, beginnt ein spätes Gedicht von nachgerade testamentarischem Charakter, das Rolf Emmerich rezitierte. Es endet mit den Worten: „...das Stückchen Land, das meine Ahnen so geliebt, es diene mir im Tod zur letzten Ruh.“ Ramona Götz, die seit Herbst in der Kapellenstraße 6 das „Hey Day Hochzeitshaus Laupheim“ betreibt, bewirtete die rund 50 Personen, die sich zur Enthüllung der Gedenktafel eingefunden hatten, und führte sie durchs Gebäude. Anwesend war auch die heutige Eigentümerfamilie Hiemer- Hamann.

(Von Roland Ray, erschienen in der Schwäbischen Zeitung am 07.01.2020)

 

 

Etwa dreißig Gäste nahmen an der Enthüllungfeier teil. 

Die Gedenktafel wurde von Elisabeth Lincke und Rolf Emmerich enthüllt.

Rolf Emmerich erläutert die Innschrift auf der Gedenktafel.

„Wenn Steine reden könnten“: Die GGG-Vorsitzende Elisabeth Lincke
sprach über die Geschichte des „Kaufhaus Einstein“.

 

 

 

Innenansichten des Gebäudes.

 

   


 

Pressebericht